Der FC Bayern und das goldene Lernalter – von Michi Schuppke

Hallo liebe Soccerkiste-Leser,

Vor kurzem gab David Niedermeier von der Münchner Fussballschule ein Interview für den Münchner Merkur, in welchem er erklärte, warum und an welcher Stelle der FC Bayern und auch andere NLZs mehr in die Jugendausbildung investieren sollten. Dies sorgte für einigen Wirbel, so dass David seine Argumente auch beim Bayerischen Fernsehen in der Sendung Blickpunkt Sport nochmal aufzeigen durfte. Hier nochmal dazu der Beitrag aus der Mediathek des BR.

Doch damit nicht genug: Auch Sky Sport News HD war an diesem Thema sehr interessiert und so besuchte uns Ex-Profi Torben Hoffmann mit seinem Sky-Team bei einem Individualtraining von David und stellte auch nochmal Fragen rund um die Jugendausbildung der NLZs im Allgemeinen und speziell beim FC Bayern.

Dabei moniert David, dass es von der U9 bis zur U12 beim FC Bayern keine hauptamtlichen, sondern nur nebenberufliche Trainer gibt. Da die jungen Talente genau in diesem Alter aber alle technischen und koordinativen Grundlagen legen müssen, um später auf hohem Niveau spielen zu können, braucht man eben die besten Trainer. Top ausgebildete Leute, die all die aufwendig ausgewählten besten Talente technisch, koordinativ, taktisch so vorbereiten, dass diese auch später die realistische Chance haben, das bestmögliche zu erreichen. Dazu braucht es ab einem gewissen Alter auch mehrere Spezialtrainer pro Team, so dass die Spieler spätestens ab der U14 ein auf ihre Position zugeschnittenes technisches Individualtraining bekommen können. Ein zusätzliches, technisches Individualtraining oder Kleingruppentraining sollte auch schon früher ab der U9 angeboten werden, denn es ist auffällig, dass viele Spieler in der U16 und älter oft Schwierigkeiten haben, z.B. einen sauberen Flugball beidfüßig über längere Distanzen zu spielen. Oder sie können enge 1:1 Situationen oft gar nicht lösen, da ihnen die nötige Technik dazu fehlt.

Jochen Sauer, Geschäftsführer des Nachwuchleistungszentrums des FC Bayern hat nun bei Sky Sport News HD diesem Statement von David widersprochen. Er sagt, dass es bei der U9 bis zur U12 z.B. kein zusätzliches, technisches Individualtraining geben soll, da hier Familie und Schule Vorrang hat. Zudem sieht er keine Notwendigkeit für hauptamtliche Trainer in dieser Altersklasse, da es um den Spaß am Fußball gehe. Den gilt es zu vermitteln und dafür genügen nun mal nebenberufliche Trainer.

Wer unsere Artikel hier regelmäßig liest, weiß, dass wir das hier nicht so stehen lassen können. Mehr noch, wir finden diese Aussagen fragwürdig.

1. Spaß und Freude am Fußball und Training auf hohem Niveau in allen Bereichen des Fußballsports schließen sich nicht aus. Gerade die jungen Talente müssen gefördert und gefordert werden. Wofür hat man sie sonst ausgesucht? Um ihnen nicht mehr als dreimal pro Woche herkömmliches Training zu bieten? Erwarten denn nicht die Spieler, als auch die Eltern, dass eben genau dort professionell auf allerhöchstem Niveau trainiert wird? Gerne noch in einer vierten zusätzlichen Einheit, in der nur Technik oder Koordination in kleinen Gruppen trainiert wird? Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele junge Talente aus den NLZs zu ihren normalen drei Trainingseinheiten im Verein noch ein extra Kleingruppen- oder sogar Individualtraining bei uns in Anspruch nehmen, weil sie eben mehr wollen. Und weil ihnen genau das Spaß macht. Diese Kinder wollen leisten und sie sehen dies nicht als Belastung, sondern haben richtig Lust darauf. Anspruchsvolles Training macht ihnen Spaß, dafür leben sie. Und ein guter Trainer vermittelt neben Technik, Taktik und Co eben auch dies – Spaß und Freude am Spiel.

2. Herr Sauer sieht keine Notwendigkeit für hauptamtliche Trainer, es genüge den Spaß am Spiel zu vermitteln. Leider vergisst er hierbei einen ganz wesentlichen, wenn nicht sogar den zentralen Punkt in der Jugendausbildung, nicht nur im Fußball: das goldene Lernalter. Genau in den Altersklassen der 9 bis 12/13 Jährigen müssen die jungen Talente so viel wie möglich lernen. Alles was hier nicht vermittelt wird, ist später nicht mehr oder nur noch sehr schwer mit viel Aufwand den Spielern beizubringen. Dies ist eine Tatsache der Sportwissenschaft. Sie ist vielfach sportmedizinisch, anatomisch und auch neuronal bewiesen. Daher braucht es genau hier die besten Trainer. Genau hier müssen unbedingt hauptamtliche Trainer ran, die eigentlich mindestens die B-Lizenz und einen sportwissenschaftlichen Hintergrund haben sollten. Denn nur die wissen wirklich, wann die Talente welche Inhalte brauchen, damit sie optimal wirken können. Ein Koordinationstraining für einen 9-Jährigen ist ein anderes als für einen 12-Jährigen. Manche Trainer im Grundlagenbereich der NLZs haben oft nur die C-Lizenz. Das ist unserer Meinung nach zu wenig. Dies wird den Talenten einfach nicht gerecht. Zudem steht es in keiner Relation zu dem, was Eltern für den ganz großen Traum schon in diesen jungen Jahren auf sich nehmen. Stichwort: Vereinbarkeit von Talentförderung und Familie/Schule.

3. Nach Aussage von Jochen Sauer verzichtet der Campus im Grundlagentraining auf zusätzliche individuelle Trainingseinheiten, da dies so viel Zeit in Anspruch nehme, dass Familie und Schule leiden würden. Konkret würde das bedeuten, dass die Spieler im Grundlagenbereich noch eine vierte zusätzliche Traininseinheit pro Woche zu absolvieren hätten, in der ein spezielles, technisches Einzeltraining stattfindet. Dies könnte auch in kleinen Gruppen organisiert werden. Hauptsache die Spieler haben eine möglichst hohe Wiederholungszahl von bestimmten technischen Elementen, damit diese eingeschliffen werden. Wir denken, dass ein Mehr an Training Schule und Familie nicht negativ beeinflusst. Wir wundern uns aber z.B. über  unzählige Turniere deutschland- und sogar europaweit an Wochenenden, wie üblich beim FC Bayern während der Wintermonate. Hier werden die Kinder aus der Schule freitags vorzeitig befreit, reisen mit dem Zug teilweise mehrere hundert Kilometer an und kommen am Sonntag spät nachts nach Hause. Und am Montag soll das Kind dann ausgeschlafen in der Schule seine Leistungen bringen. Und was ist mit den Spielern, die teilweise schon in diesen Altersklassen bis zu 100 km Anreise haben? 70 Minuten Anreise und Rückweg für dreimal Training pro Woche und Spiel oder Turnier am Wochenende? Ist das dann die Vereinbarkeit zwischen Talentförderung und Familie/Schule im Sinne des FC Bayern?

Bisher schaffte es kaum ein Spieler von der U9 bis wenigstens zur U19 nach oben zu kommen. Dies und noch viel mehr, dass jedes Jahr mindestens ein Spieler den Sprung aus der Jugend zu den Profis schafft, ist aber das erklärte Ziel des neuen FC Bayern Campus. Wir sind der Meinung, dass dies so kaum funktionieren kann. Es sei denn, man geht so vor wie bisher und kauft auch für den Nachwuchsbereich gut ausgebildete, ältere Jugendspieler und gibt ihnen den Feinschliff. Als Musterschüler der Jugendausbildung des FC Bayern wird hier oft gerne David Alaba zitiert. Dieser wurde aber laut transfermarkt.de als U19 Spieler von Austria Wien zum FC Bayern geholt. Und zwischenzeitlich sogar an die TSG Hoffenheim ausgeliehen, ehe er beim FC Bayern zum Topspieler wurde.  Der FC Bayern muss dann also weiterhin für sehr viel Geld Talente ab der U15 oder sogar jünger einkaufen und diese dann “zu Ende ausbilden”.  Das ist unserer Meinung nach leider sehr kurzfristig gedacht!
Heute kosten die Megastars unfassbar viel Geld, aber vielleicht kosten bereits in naher Zukunft die besten Talente schon mehrere Millionen. Dies ist nicht weit weg von der Realität. Bereits heute werden U17 Spieler für 300.000 Euro und mehr innerhalb Deutschlands transferiert. Da die Topstars eben so viel kosten, dass sich selbst der FC Bayern diese nur noch schwer leisten kann, werden viele Vereine ihr Heil genau dort suchen. Und das wird die Preise auch nach oben treiben.

Viel Geld muss dann auch hier investiert werden. Vielleicht sollte man dieser Entwicklung aber endlich entgegentreten und selbst zum Topausbilder werden. Damit kann man selbst super Spieler nach oben zu den Profis bringen und andere gewinnbringend verkaufen, die den Sprung zu den Profis vielleicht nicht bei Bayern, aber bei einem anderen Bundesliga Klub schaffen. Dies geht aber nur mit top ausgebildeten, hauptamtlichen Trainern bereits im Grundlagenbereich, die die jungen Talente technisch, taktisch, athletisch und charakterlich fördern und formen. Und natürlich sollen sie auch den Spaß und die Leidenschaft an diesem tollen Spiel vermitteln.

Eine gute Fußballzeit

Euer Michi

 

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